Social Media Verbot in Australien gibt es gar nicht

Doomscrolling-Apps sind kein Menschenrecht

Australien vorzuwerfen, es würde «pauschal Social Media verbieten» ist eine grobe Ungenauigkeit

Wir sind wieder einmal an jenem Ort, an dem ich seit 1993 immer wieder war: Menschen nutzen Begriffe, die aus dem Cyberspace kommen, und sie meinen damit Dinge, die unter diesen Begriffen eigentlich nicht zu verstehen sind. Leider ist das so weit verbreitet, dass sich auch jene angreifbar machen, die bei einem sinnvollen Experiment Worte wählen, die eben nicht stimmen.

Gerade aktuell geht es um das Wort «Social Media». Was bedeutet dieses Wort genau? Gemäss Duden sind Social Media:

«Gesamtheit der digitalen Technologien und Medien (wie Blogs, soziale Netzwerke, Wikis), über die Nutzerinnen und Nutzer miteinander kommunizieren und Inhalte austauschen können.»

Australien hat kein Social Media Verbot

Wenn wir die hitzige Debatte um die neuen Gesetze in «Down Under» verfolgen, fällt auf, wie unpräzise argumentiert wird. Es wird von einem «Social Media Verbot» gesprochen, doch das ist faktisch falsch. Auch ich bin bei einem früheren Beitrag darauf hereingefallen. Folgende Apps sind für unter 16-Jährige in Australien aktuell nach wie vor erlaubt:

  • WhatsApp
  • FB Messenger
  • Signal
  • Telegram
  • FaceTime
  • iMessage
  • Discord
  • Pinterest
  • etc.

Auzie-Land hat also lediglich die digitalen «Doomscrolling-Autobahnen» wie TikTok und Instagram als Kinderspielplätze verboten. Es geht somit nicht darum, die digitale Kommunikation zu unterbinden.

Es geht darum, gezielt jene Mechanismen stärker zu regulieren, die nachweislich auf maximale Abhängigkeit programmiert sind. Dass die ganze Welt nun dank Australien darüber diskutiert, ist bereits eine erste wichtige Wirkung dieses Vorstosses.

Ich bin gegen solche Experimente zum jetzigen Zeitpunkt in der Schweiz, finde es aber richtig und wichtig, dass Länder wie Australien, Frankreich oder Dänemark dies nun testen. Wir können die Ergebnisse dieser Tests in Ruhe abwarten.

Die Skandalisierung aus den Reihen der Sozial- und Pädagogikwissenschaften

Was mich in der aktuellen Debatte unter Fachleuten beeindruckt, ist die prompte Skandalisierung. Da wird schnell mit Begriffen wie «Verstoss gegen Kinderrechte» oder «Einschränkung der Versammlungsfreiheit» und «Pauschales Social Media Verbot» um sich geworfen oder es wird einmal mehr behauptet, nur die Erwachsenenwelt sei in die Pflicht zu nehmen.

In der Diskussion wird oft das Argument laut, Jugendliche müssten in die digitale Gegenwart hineinsozialisiert werden, weil man die analoge Vergangenheit nicht rekonstruieren könne. Das ist grundsätzlich richtig. Aber: Nur auf eine zukünftige stärkere staatliche Regulierung der Plattformen zu setzen, ist genau so ein Traumdenken wie es ein Traumdenken ist, ein paar neue Gesetze würden die Kinder stärker schützen. Es braucht ganz viele Hebel. Dazu gehört sowohl mehr Plattformregulierung, mehr Regulierung der Tech-Bro-Buden aber es braucht auch Tests, wie sich bestimmte Altersbegrenzungen auswirken.

Wer heute schon ganz genau wissen will, was richtig oder falsch ist, betreibt wieder einmal eine scientistische Überhöhung par excellence. A propos Scientismus: Zur Bekämpfung von dieser Sekte und zur Heilung der Karriere-Süchtigen, bin ich für eine Komplett-Schliessung von LinkedIn, ein globales LinkedIn-Verbot für alle Altersgruppen, jetzt! 😉

Wer heute beim Aufbau von einem Bündel von Massnahmen eine spezifische Massnahme wie Altersbeschränkungen bei Doomscrolling Apps mit Verdrehung von Tatsachen – nochmals: es gibt kein pauschales Social Media Verbot in Australien – sowie mit überkomplexen scientific Papers verhindert, bremst die gesamte Gesellschaft dabei aus, pragmatische Wege zu finden, die gegen pathologische Nutzung von Neuen Medien helfen könnten.

Wanted: Massnahmenbündel

Es braucht ein Bündel an Massnahmen, und dazu gehören auch Altersbeschränkungen bei süchtig machenden Doomscrolling-Apps – so wie wir es bei ungeieigneten Filmen oder Videospielen längst als zum Teil wirkungsvoll akzeptiert haben.

Aber wir hier in der Schweiz können jetzt erstmal ein bisschen warten, was genau gut funktioniert. So oder so sind unsere politischen Mühlen so langsam, dass die Skandalisierungen von den Befürworter*innen und den Gegner*innen von neuen Jugendmedienschutzregulierungen bis zur tatsächlichen helvetischen Umsetzung überwunden sein werden.

Klar ist: Schutzmassnahmen für Kinder sind kein Rückschritt in die Steinzeit, sondern die notwendige Leitplanke in einer digitalen Welt, die von Konzernen ohne Rücksicht auf Entwicklungspsychologie gestaltet wurde!

Im Video (Timeframe 48:25 von diesem Gespräch) wird es ganz präzise gesagt. Kudos an Sarah Genner! Hier spricht sich jemand für Altersgrenzen bei «Doomscrolling Apps» aus und diese Stimme gilt als ausgewiesene Expert*in in diesem Bereich.

AI-Illustration …

Diese Illustration verdeutlicht die terminologische Unschärfe in der aktuellen Mediendebatte. Während Expert*innen und Schlagzeilen oft fälschlicherweise von einem «pauschalen Social Media Verbot» sprechen, zeigt die Grafik die Richtigstellung: Die Altersbeschränkung bei ganz bestimmten Apps sind ein Versuch für mehr Schutz vor «Doomscrolling»-Mechanismen, während reine Kommunikations-Apps erlaubt bleiben.

Ich persönlich bin gerade entzückt vom AI-Slop bei dieser Illustration:

  1. Finde ich es charmant, dass da der hübsche Twitter-Vogel wieder auftaucht.
  2. «Zielespezifisches Gesetz» finde ich auch interessant, da es tatsächlich viele Ziele gibt. Manche Ziele kennen wir noch gar nicht.
  3. «Mindejährige» – wegen einem verschluckten «R» ist noch niemand gestorben …
Infografik «Rehabilitiert Australien!»: Ein Vergleich zwischen der Falschmeldung eines kompletten Social-Media-Verbots (links, düster) und der nuancierten Wahrheit über ein gezieltes Gesetz gegen Doomscrolling-Algorithmen für Minderjährige (rechts, sonnig).
Faktencheck: Warum Australien kein pauschales Social-Media-Verbot eingeführt hat, sondern mit dem TikTok-und-Co.-Verbot letztlich gezielt gegen Sucht-Algorithmen vorgeht.

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