Medienkompetenz anyone?
Ein Fallbeispiel aus dem Jugendmedienschutz
Kürzlich bin ich über ein PDF-Dokument gestolpert, das im Rahmen von einem schönen Projekt für den Jugendmedienschutz entstanden ist:
«Talk about it» von der Suchtprävention Kanton Zürich und von der Kantonalen Kinder- und Jugendförderung okaj. Inhaltlich top, die Themenauswahl von Algorithmen bis Zeitmanagement trifft den Kern. Aber bei der handwerklichen Umsetzung zeigt sich ein Paradox, das wir in der Medienbildung oft sehen: Wir vermitteln Kompetenzen, die wir bei der Erstellung unserer eigenen Arbeitsmittel ignorieren.
Der «Frankenstein»-Flyer: Wenn das Format die Logik bricht
Formal gibt es beim vorliegenden PDF-Flyer, den man hier herunteladen kann, ein Print-Problem: Es ist als zwei Wickelfalz-Flyern gelayoutet und das ergibt einfach keinen Sinn, denn ein Wickelfalzflyer sollte immer einfach nur 1(!) Flyer sein. Ein Falz-Flyer besteht aus einem Blatt Papier, nicht aus zwei.
- Format-Dissonanz: Ein Wickelfalz-Flyer bietet 6 Flächen, Punkt! Hier wurden 12 Panels, d.h. 12 Flächen auf 2 doppelseitigen Blättern verteilt. Das lässt sich physisch nicht sinnvoll zusammenstellen. Wickelfalz, Z-Falz und all die anderen Flyer, die ein doppelseitiges A4-Blatt dreifach falten, sollten immer nur aus zwei zu bedruckenden Seiten bestehen, hier sinde es aber vier Seiten. Wie soll man das sinnvoll ineinander legen, so dass man es ohne «Flattereie» gut nutzen könnte? (Siehe Video unten)
- Toner-Falle: Die Panels sind vollflächig in Farbverläufen hinterlegt. Das ist weder ökologisch noch budgetfreundlich für Schulen, die diese Materialien eventuell in Masse ausdrucken sollen.
- Druck-Logik: Wer das Dokument beidseitig im Querformat ausdruckt, muss die Druckeinstellungen manuell auf «kurze Kante spiegeln» ändern. Es fehlt leider ein Deckblatt als Anleitung. Das führt bei den allermeisten Nutzer*innen unweigerlich zu einem ersten Fehldrucken und somit zu Toner- und Papierverschwendung.
Auch die digitale Version von diesem «Lehrmittel» hat ein Problem
Wir erinnern uns: Vor etwa 25 Jahren begannen Lehrmittelverlage, Papier in Bits zu verwandeln. Dabei herrschte damals das fatale Missverständnis, man könne einfach ein PDF vom jeweiligen Heft oder Buch raushauen und die digitale Transformation sei erledigt.
Dieses Projekt hier von Suchtprävention Zürich und okaj ist ein Paradebeispiel dafür. Nur ist es hier doppelt bitter: Das Werkzeug versagt schon als Print-Medium, und als PDF auf dem Tablet ist es kaum besser. Dabei wäre es heute, im Jahr 2026, dank KI ein Kinderspiel: Mittels Vibe Coding lässt sich so ein PDF flugs in ein modernes Repository aus HTML, CSS und JavaScript oder andere Web-App-Technologien überführen – inklusive interaktiver Quizzes.
Wer versucht, diesen Flyer flugs auf dem Smartphone zu nutzen, landet endgültig in der Usability-Hölle: Willkommen im «Pinch-and-Zoom-Debakel».
Mein Fazit zum Format «Flyer»: Wenn der Inhalt als Gesprächsanleitung gedacht ist, wäre ein Set aus Karteikarten das einzig logische Format gewesen. Ein Flyer suggeriert eine Mitnahme-Logik, die hier durch den instruktiven Charakter für Moderator*innen gebrochen wird.
Alle lästern über AI-Slop – Achtsamkeit bedeutet, die «Meinung» von KI nachzufragen
Es ist gerade en vogue, über den Pfusch im Zusammenhang mit KI-Einsatz zu schimpfen. Tatsächlich ist minderwertiger Output in einer Marktwirtschaft, die auf maximale Effizienz und schnelle «Husch-husch-Lösungen» getrimmt ist, ein gröberes Problem. Doch die mangelnde Achtsamkeit hat noch eine andere Seite: Sie zeigt sich dort, wo KI eben nicht eingesetzt wird, um die eigene Arbeit kritisch zu prüfen.
Bei einem «Corpus Delicti» wie diesem Flyer frage ich mich: Wurde vorab via KI-Briefing geprüft, ob das Konzept überhaupt tragfähig ist? Ein gezieltes «AI-Audit» – durchgeführt mit den richtigen Suggestivfragen an ein Sprachmodell – hätte meiner Meinung nach klar entlarvt, wie wenig sinnvoll das gewählte Format ist. Kurzum: Alpha-Testing lässt sich heute in einem ersten Schritt bestens dialogisch mit «dem Roboter» erledigen, zum Beispiel wenn es um Aspekte wie Barrierefreiheit geht.
Barrierefreiheit? Mehr oder minder …
Ein besonders kritischer Punkt bei Dokumenten, die eine staatliche Institution zur Verfügung stellt, ist die Barrierefreiheit. Hier haben wir wieder das Problem mit dem vollflächigen gelben oder hellblauen Hintergrund. Was ästhetisch «nice» wirken soll, ist für Menschen mit Sehbeeinträchtigung (oder einfach bei schlechtem Licht im Klassenzimmer) schlechter lesbar. Ein «Tool», das Inklusion fördern will, sollte hier vorbildlicher sein.
| Aspekt | Barrierefrei? | Handlungsbedarf |
|---|---|---|
| Schriftgrösse | ✅ Ja | – |
| Zeilenabstand | ❌ Nein | Auf 1,5-zeilig erhöhen. |
| Kontraste | ⚠️ Teilweise | Hintergrund ersetzen: Einfach weiss! |
| Einfache Sprache | ✅ Ja | Abkürzungen erklären. |
Analoge Barrieren in der mobilen Welt

Obwohl aktuelle Plattformen thematisiert werden, ist die Verlinkung ganz am Schluss auf dem Flyer zu Beratungsangeboten wie suchtpraevention-zh.ch, 147.ch, zischtig.ch etc. nur «textbasiert». Glaubt da jemand wirklich, irgend ein Mensch würde das abtippen? Es gibt zwar einen QR-Code zu einem Quiz von SRF weiter Vorne. Für smartphone-affine Zielgruppen, und das sind heute alle Menschen inklusive Boomers und sogar auch die Nachkriegsgeneration, sollte ganz am Schluss von so einem Druck-Produkt ebenfalls ein QR-Code geboten werden. Dieser sollte dann zu einer Landing-Page im Netz führen, wo die einzelnen Angebote schön als Grid mit grossen Buttons der Logos der einzelnen Institutionen weiter verlinkt würden.
Ich habe den Content nun einer KI gefüttert und ihn in ein Format bringen lassen, das didaktisch Sinn ergibt: Handliche Karteikarten ohne Toner-Verschwendung.
Medienkompetenz beginnt beim eigenen Werkzeug …
Es ist eine bittere Ironie: Wir wollen Medienkompetenz lehren, scheitern aber oft an der kompetenten Erstellung der einfachsten analogen Begleitmaterialien. Wenn es um sinnvolle digitale Lehrmittel geht, sieht es dann nochmals ungleich komplexer aus.

