Die Illusion des Informiertseins

Es ist eines der grössten Paradoxa unserer Zeit: Trotz einer technisch ultrageilen globalen Vernetzung scheitern wir kollektiv daran, dieses Potenzial sinnvoll zu nutzen. Wir leben in einer Welt, die Daten in Lichtgeschwindigkeit transportiert, doch wir haben nicht gelernt, uns dabei an tatsächlicher Wahrheit oder Sinnhaftigkeit zu orientieren.

Viele aufklärerische Menschen haben null Verständnis für dieses Paradox. Sie setzen dabei die falsche Prämisse. Das Problem dieser Aufklärer*innen liegt an deren grundlegendem Missverständnis davon, was medial vermittelte Informationen überhaupt leisten können und sollen.

Person liest konzentriert in einem alten Buch in einer Bibliothek, umgeben von einem Schutzschild gegen News-TV-Monster.
Bei alten Büchern wissen wir, dass wir sie als Inspiration und nicht als Quelle von Wahrheit nutzen sollen. Warum soll das bei Infos via neuere Medien anders sein? (Bild: Nano Banana – AI Slop – KI Kitsch – I love it)

Vom Nutzen zur Befriedigung

Der erste grosse Irrtum besteht darin, zu glauben, dass der Nutzen von Informationen immer in ihrem Wahrheitsgehalt oder ihrem praktischen Wert für unseren Alltag liegen muss. Tatsächlich folgt unser Medienkonsum oft dem Nutzen- und Belohnungsansatz: Wir suchen nicht nach Fakten, um die Welt zu verstehen, sondern nach Inhalten, die unsere psychologischen Bedürfnisse stillen. Die «Belohnung» ist hier nicht Erkenntnis, sondern emotionale Entlastung oder das Gefühl, dazuzugehören. Die meisten Menschen spüren das intuitiv sehr genau: Die tägliche Dosis Krisen-News am anderen Ende der Welt (ein politisches Chaos, das durch den Medienwandel zu erwarten war) verändert weder ihren Speiseplan noch ihre Arbeitsprozesse – aber sie bedient ein rituelles Bedürfnis.

Es ist eine Form der Unterhaltung, ein ritueller Zeitvertreib, der ein Bedürfnis nach emotionaler Beteiligung oder vermeintlicher Zugehörigkeit stillt. Wer jedoch hartnäckig behauptet, man müsse wissen, was in der Welt passiert, um informiert zu sein, versteht oft nicht einmal diesen grundlegenden psychologischen Mechanismus. Es wird ein Informationsbedarf vorgetäuscht, der bei näherer Betrachtung meist keinen funktionalen Wert besitzt.

Die Hybris der medialen Wahrheit

Hinter diesem Drang, alles wissen zu wollen, verbirgt sich zudem eine fundamentale menschliche Überheblichkeit. Diese Hybris ist ein tiefes Missverständnis gegenüber der Wahrheitskraft aller Informationen, die über Medien, egal welcher Art, transportiert werden. Das gilt für die Schlagzeile in der App genauso wie für die mündliche Sprache innerhalb der Familie und es gilt erst Recht für das «Chrüsimüsi im Cyberspace».

Wir können bestens damit umgehen, dass Wahrheit bereits im kleinsten sozialen Gefüge eine höchst zerbrechliche Angelegenheit ist. Man muss nur die mündlichen Erzählungen innerhalb eines engen Kreises vergleichen: Wenn der Bruder, Onkel, die Tante, Kollegin oder der Grossvater von demselben Ereignis berichten, entstehen oft völlig unterschiedliche Realitäten – «vom g’höre-säge lernt mer lüge». Jede*r hat etwas anderes gesehen, jeder interpretiert anders. Wenn wir also bei der direkten Kommunikation im engsten Umkreis niemals die Prämisse setzen würden, es gäbe so etwas wie eine objektive Wahrheit, warum begreifen dann so viele sogenannt vernünftige und gebildete Menschen nicht, dass wir die Komplexität der Welt durch zig mediale Filter nie wirklich begreifen können und schon gar nicht die Wahrheit erfahren können?

Die Meinung, man könne überhaupt wissen, was in der Welt so läuft, ist möglicherweise ein protestantisch-aufklärerisches Dogma – ein Überbleibsel der Fixierung auf und durch die Schriftlichkeit: «Es steht gedruckt in der Bibel, wir lesen die Bibel im Gegensatz zu den Katholik*innen selber, daher wissen wir, was der wahre Weg zu Gott ist!» Das wird heute übertragen auf die Ansprüche, die wir gegenüber SRF, NZZ, Spiegel, New York Times und Co. haben.

In einer Zeit, in der professionelle Medienbildung und eine kritische Distanz zu Informationsumgebungen wichtiger sind denn je, sollten wir anerkennen, dass jede mediale Vermittlung letztlich eine Konstruktion bleibt. Wer die Illusion des Informiertseins aufgibt, gewinnt vielleicht die Freiheit zurück, sich wieder auf das zu konzentrieren, was tatsächlich Sinn stiftet.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass insbesondere jene, die Medienkompetenz vermitteln wollen, das formale Handwerk bei der Produktion von Medienartefakten aller Gattungen intus haben sollten. Das ist aber leider heute noch überhaupt nicht der Fall, wie dieses Medienerzeugnis eines Flyers – oder ist es einfach ein PDF(?!?) – zeigt: Medienkompetenz anyone – ein Fallbeispiel aus dem Jugendmedienschutz

Mann kocht in moderner Küche, geschützt durch einen leuchtenden Bullshit-Filter vor aggressiven Medien-Monstern.
Besser kochen mit Hilfe von AI als News konsumieren. News, heute geschrieben von Menschen mit Hilfe oder ganz von Künstlicher Intelligenz, von Menschen, die du nicht kennst! (Bild: NanoBanana)

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