Vibe Coding 2.0: Warum ich meine GmbH-Buchhaltung mit einer digitalen Wingwoman bändige

Editorial-Illustration: Marc Böhler fährt im Mercedes Marco Polo Campervan mit einer futuristischen KI-Wingwoman durch die Schweizer Alpen.
Unterwegs im Vibe-Coding-Flow: Mit «Balu» und der digitalen Wingwoman entlang dem Davosersee. Auf dem Weg zum swch.ch Sommercampus 2026 zur Leitung vom Seminar für Lehrpersonen «KI-Profis».

Mariage Magique, Banana-9-csv-Importe, plus 14 Stutz Token-Lösegeld und den Knopf «PDF Cheffe senden!»

Seien wir ehrlich: Wer ein Unternehmen gründet, brennt für seine Inhalte, seine Produkte, Kundinnen und Dienstleistungen – in meinem Fall Schulklassen, Lehrpersonen, Schulleitungen, Eltern und viele mehr.

Niemand gründet eine GmbH, weil sie oder er sich darauf freut, am Sonntagnachmittag Quittungen von Restaurants oder Parktickets korrekt zu digitalisieren, benennen und in Buchungssätzen manuell zu erfassen oder 40 Franken im Monat für überfrachtete Standard-Software abzudrücken. Bexio, Infinity und Co.? Nein, danke.

Als Verfechter echter Datensouveränität brauche ich kein starres SaaS-Cloud-Muster, das mich in fremde Workflows zwängt.

Für die mebimabo Medienbildung Marc Böhler GmbH nutze ich ein eigenes, hochgradig automatisiertes System: die Mariage Magique – haha, nein! Das System läuft unter dem Short-Name m4LL, unmissverständlich:

«mebimabo Large Language Model Ledger Link».

Das Prinzip ist simpel und kompromisslos:

  • Eine strikte Ordnerstruktur: Programmcode (src/) und operative Geschäftsdaten (workspace/) bleiben konsequent getrennt. (Kleine Markierung: Ich kenne mich bei Cyber-Architekturen aus, und uiuiui, das fehlt ja soooo vielen Projektleiter*innen sonst… Solche besser nicht Vibecoden lassen!)
  • Die Dropzone: Ein einfacher Ordner, in den rohe Belege (PDFs, Scans, Screenshots, Handy-Fotos) geworfen werden.
  • Python-Pipeline mit KI-OCR: Das Skript analysiert den Inhalt entweder mittels lokalem Ollama-plus-Qwen-Team (#Alibaba-Juhee) oder via Frontier-Model «Gemini», liest Typ der Ausgabe, Bruttobetrag und Datum aus, weist die Belege anhand des Schweizer KMU-Kontenrahmens zu und benennt die Dateien um – zum Beispiel in 147.85_6640_Campingstellplatz_Davosersee_Davos_260619.pdf.
  • Der finale CSV-Export: Am Ende spuckt das System eine saubere Tranche aus, die geräuschlos über «Daten importieren» als .csv in mein lokales, ein einziges Mal bezahltes Banana 9 eingelesen wird. Ich habe schon genug Ausgaben mit all den zig Abos für Googles Workspace, WordPress, Winzigweich und Co.!

Hier will ich jetzt nicht dieses ganze m4LL vorstellen, sondern «nur» ein eigenständiges Modul davon, eine zweite Geige aus diesem Orchester: Die Erfassung von diversen Spesen und Erstellung einer Spesen-Sammelquittung pro Anlass für das Konto 5820 (Privatperson an GmbH).

Dieses Modul steht im Prinzip schon seit einigen Monaten als Python-Script, das ich via Terminal ansteuere… Das war damals die Geburtsstunde von Spesen Flow 1.0.

macOS Terminal-Fenster mit dem grünen Konsolen-Skript m4LL_SpesenFlow.py zur textbasierten Erfassung von Event-Spesen.
Die Ur-Version: SpesenFlow 1.0 als sprödes, aber effizientes Python-CLI-Skript im Terminal. (Bild: Screenshot)

Jetzt ist daraus etwas ganz neues entstanden, nein, zwei Dinge. Erstens die Web App «Spesen Flow» und zweitens meine persönlichen Evolution zu Vibe Coding 2.0.

Was ist Vibe Coding 2.0? Das Wingwoman-Prinzip

Nachdem ich vor den Festtagen 2025 das World Café Cockpit für meine Medienkurse hingevibet hatte, lernte ich die Lektionen der ersten Welle: Wer einfach blind und unkontrolliert Prompts in einen KI-Code-Generator tippt, erntet schnell Spaghetti-Code, verpfuschte Repositories und epischen Frust, vor allem wenn du das Ding anpassen, ändern, skalieren möchtest etc.. Ich nutze schon lange eine zweite KI, um meine Prompts zu verbessern, aber bisher nur bei anderen Dingen, nicht beim Viben.

Vibe Coding 2.0 ist anders. Vibe Coding 2.0 nutzt eine digitale Wingwoman.

Beim Entwickeln von SpesenFlow 2.0 sass ich nicht alleine vor dem leeren Prompt-Fenster von Google AI Studio. Stattdessen arbeitete ich im Tandem. Ich tippte meine Anweisungen nicht direkt in den Code-Generator. Ich liess mir die Prompts von meiner «Wingwoman» Gemini im Thinking-Modus im Chat-Fenster daneben erschaffen, las sie genau durch, passte sie an meine Vorstellungen an und warf erst dann den perfekten Prompt ins AI Studio. Und nachdem AI Studio wegen Token-Limits oder Überlastung völlig ausgeschossen war, sprang die Wingwoman direkt ein und lieferte mir exakte CSS- und TypeScript-Schnipsel für den manuellen Eingriff.

Es ist eine Beziehung zu dritt:

  • Regisseur*in (Mensch): Bestimmt die Vision, prüft die UX, wahrt die Schweizer Rechtschreibung und «korrekten Anführungszeichen» und setzt die Design-Standards durch, die sich auf mebimabo.ch ergeben haben.
  • Die Wingwoman (Sparring-KI): Durchdenkt die Logik vorab, baut präzise, widerspruchsfreie Master-Prompts, bremst dumme Ideen aus und operiert als Notärztin direkt im Code…
  • Der Code-Worker (Google AI Studio): Die ausführende KI, die den fertigen Prompt frisst und die React-Komponenten stur runterschreibt.

Der UX-Reality-Check: Wenn die Wingwoman die Notbremse zieht

Wie wertvoll eine echte Wingwoman im Prozess ist, zeigte sich mitten in der Entwicklung. Ich hatte die glorreiche Idee, dass Laptops beim Klick auf «Foto aufnehmen» die eingebaute Videokonferenz-Kamera öffnen sollten. Technisch machbar. Die Wingwoman lieferte brav den JavaScript-Code. Doch noch bevor ich den Prompt kopieren konnte, grätschte sie dazwischen und rief den UX-Notstand aus:

«Eine papierene Quittung zitternd vor die schräge Laptop-Kamera des MacBooks zu halten, während das Licht spiegelt… das ist UX-Hölle pur! Auf dem Desktop blendest du den Kamera-Button komplett aus. Da nutzt man Datei-Upload oder Drag & Drop. Die Kamera gehört exklusiv aufs Smartphone!»

Schönes Beispiel für den Unterschied von «blindem» Generieren zu geführtem Vibe Coding. Die Wingwoman verhinderte eine peinliche Fehlfunktion, bevor sie auch nur eine Zeile Code kostete.

«Marc, laber nicht! Was macht das Sammelspesenmodul 2.0 jetzt genau?!?»

Schau einfach das Bild hier an… Beispiel Verpflegung: Ich kann einen oder mehrere Belege hochladen, die KI schaut sich das Teil genau an, liest den Betrag und noch mehr raus und setzt das entsprechend in den Prozess ein.

Erfassungs-Maske im SpesenFlow Tool für Verpflegungsbelege mit KI-Unterstützung.
Das Erfassungs-Modul für Verpflegung und Gastro-Quittungen. (Bild: Screenshot)

Und jetzt schau dieses Bild! Ich gebe Start- und Zielort der Velofahrt ein, hintenrum rattert eine API mit Google Cloud G-Maps-Zeugs und setzt das alles automatisch ein.

Automatische Berechnung von Velo-Kilometern in SpesenFlow via Google Maps API.
Die Google-Maps-Schnittstelle berechnet die Brompton-Strecke in Davos auf den Meter genau. (Bild: Screenshot)

Dann dieses Bild: Auf der Seite zuvor habe ich meine Unterschrift auf dem Handy direkt ins dafür vorgesehene Feld reingekritzelt. Ich könnte auch eine schöne Version davon hochladen und jetzt, tadaaaaaaaaa, kommt die Sammelquittung, aber zuerst einfach eine Vorschau:

Sammelbeleg-Vorschau in SpesenFlow für Konto 5820 mit digitaler Unterschrift und dem Button PDF CHEFFE SENDEN.
Der Höhepunkt: Die Quittungs-Vorschau in der Zero-Design-Schrift mit digitaler Signatur und dem roten Knopf zum Versand an Cheffe. (Bild: Screenshot)

Schau noch das Bild da an, das ist ein Screenshot der Quittung als PDF… Hässlich, gell, aber das ist so geplant, siehe dazu mehr unten. Schön jedoch: Die Originalquittungen zieht es mit und macht direkt im PDF weitere Seiten als Beilagen.

Das von SpesenFlow automatisch generierte Mehrseiten-PDF im Vorschau-Viewer inklusive Sammelbeleg und gebündelten Beilage-Quittungen.
Das fertige Endprodukt im PDF-Viewer: Seite 1 liefert den strukturierten Sammelbeleg mit digitaler Signatur, dahinter hängen automatisch alle gescannten Original-Quittungen als Beilagen. (Bild: Screenshot)

«Marc! Warum so eine hässliche Sammelquittung?»

Als Solo-GmbH muss man die gesplitteten Persönlichkeiten sauber trennbar und sofort erkennbar leben! Belege, die ich als Privatperson bzw. als Angestellter gegenüber mir als Geschäftsführer und Cheffe der GmbH ausstelle, dürfen sicher kein hübsches Mebimabo-GmbH-Branding aufweisen. Das sind schliesslich Belege, die ich als Angestellter, der sich nicht um Branding-Design-Shizzle zu kümmern hat, ausstelle. Daher «Personalstandard | Zero Design Fixed Font»!

Zurück zum Viben… Es geht weiter mit Design-Geschichten, jetzt aber in meinem Tool, der «Spesen Flow» Webapp…

Pixel-Schubserei, Mebimabo-Rot und 14 Stutz Token-Lösegeld

Wer glaubt, Vibe Coding sei ein fauler Spaziergang, hat noch nie versucht, einer KI den Unterschied zwischen Billig-Neonrot und dem echten Mebimabo-Ziegelrot (#c0392b) beizubringen. Als AI Studio mir plötzlich knallgrüne 2px-Musterrahmen und schreiende Hover-Effekte hinwarf, schritten wir zur stilistischen Bereinigung:

  • Farbtreue: Strikte Durchsetzung von #c0392b (Mebimabo Rot) und #c99e41 (Mebimabo Gold auf Hover).
  • Minimalismus: Reduktion der klobigen Rahmen auf edle, feine 1px-Linien (#7FA756).
  • Pixel-Perfect Alignment: Die Buttons «CLEAR ALL» und «QUITTUNGS VORSCHAU» auf die Nachkommastelle exakt gleich hoch (h-11).

Und dann kam der Moment, den jede Vibe-Coderin und jeder Vibe-Coder kennt: Die rote Warnmeldung. Tageslimit erreicht! Der Flow drohte im kritischsten Moment abzureissen. Was tut man im Rausch der Schöpfung? Man bezahlt zähneknirschend die 14 Stutz für eine Erweiterung des GWS-Abos auf «AI Expanded Access». Google soll ja schliesslich nicht verlumpen – und der Schaffensdrang war schlicht unbezahlbar!

Der Höhepunkt: «PDF Cheffe senden!»

Das Ergebnis dieser Synergie ist eine Web-App mit echter Seele für mich ganz persönlich. Am Ende der Erfassung steht kein trockener System-Link. Da prangt ein roter Knaller-Button: «PDF Cheffe senden!».

Wird er gedrückt, wird das PDF als Base64-Datensatz direkt im Arbeitsspeicher des Browsers erzeugt und gemailt.

Anschliessend schaltet die App um auf die Mebimabo-Danke-Seite: Typografie in Open Sans (Font-Weight 500), betende Hände, die Rakete 🙏🏼 🚀 sowie Buttons fürs Weitersurfen, genau so, wie sonst meine Formular-Dankensseiten heissen. Diesen Mailversand habe ich übrigens nur als Spass eingebaut. Klar werde ich die PDFs immer Downloaden. Den Mailversand bräuchte die Kleinst-GmbH, sollte sie einst Leute anstellen …

Wer kann viben, wer eher nicht?

Vibe Coding 2.0 ist weit mehr als nur ein technologischer Trick – es ist ein mentaler Shift. Wer Jahrzehnte in der Welt der Syntax und der starren Spezifikation verbracht hat, tut sich oft schwer. Klassische Entwickler sind Mikromanagement-Leute ihres eigenen Codes. Vibe Coding verlangt hingegen die Mentalität von Surferinnen und Surfern: Es geht darum, die Welle der KI-Modelle zu reiten und Regie zu führen!

Aber wer jetzt glaubt, die Programmierer*innen stünden total auf dem Abstellgleis, täuscht sich fundamental! Ja, jemand aus der Marketing-Abteilung soll doch zum Beispiel fürs Screening der Präsenz der eigenen Firma im Netz draussen schnell etwas vibecoden, um ein früher kostspielig extern eingekauftes SaaS-Tool zu ersetzen.

ABER! Nachher kommen die Programmierer*innen wieder ins Spiel: Die Architekt*innen von schönen Info-Architekturen und effizienten Actions. Sie müssen das Ding nun auseinandernehmen, modularisieren und so wieder zusammenstellen, dass das Teil nur dann ins «Netz raus telefoniert» oder APIs lanciert, wenn es zwingend nötig ist.

Trotzdem: Kleine und mittlere Unternehmen sowie Solopreneure stehen vor einem gewaltigen Wandel. Wir müssen IT-Bedürfnisse künftig viel häufiger intern lösen. Wir brauchen seltener überteuerte, externe Software-Baukästen – sondern begabte Vibe-Coding-Regisseurinnen und Regisseure im eigenen Haus.

Die Buchhaltung macht mir zwar immer noch keinen riesigen Spass – aber das Gefühl, auf «PDF Cheffe senden!» zu drücken und zu wissen, dass die eigene KI-Pipeline im Hintergrund flutscht? Das ist unbezahlbar. (Oder eben: Genau plus 14 Stutz pro Monat zusätzlich für mein GWS-SaaS-Mannnnooooo-Abo.)

«Warum gerade der Balu als App-Logo?!?»

Das ist klar: Mein schwarzer Mercedes Marco Polo Campervan aus dem Jahr 2007… Den brauche ich halt ab und zu als Privatauto für Geschäftsreisen und Übernachtungen. Ich kann in dieser App alles leer lassen, ausser einer bestimmten Sektion. Sehr wahrscheinlich werde ich die App vor allem für Balu-Spesen plus natürlich die Velofahrten-Spesen einsetzen – denn für den ganzen Rest habe ich einerseits eine Firmen-Kreditkarte und andererseits bei SBB.ch einen Business-Account. Das läuft ja dann in ein anderes buchhalterisches Konto.

Illustration des schwarzen Mercedes Campervans Balu mit blauem Aufstelldach

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