«Verbotener Saft» und das Smartphone-Fasten: Der Red Bull Bias im Jugendmedienschutz

«Flimmerpause» 🇨🇭 versus
«3 Wochen ohne Smartphone» 🇦🇹

Was hat eine Dose Red Bull mit digitalem Entzug in der Zentralschweiz und Österreich zu tun? Erstaunlich viel. Bevor wir den Blick auf zwei Handy-Fasten-Projekte werfen, die vom Anspruch her kaum unterschiedlicher sein könnten, müssen wir über das Fundament für eines der grössten Vermögen dieses Planeten sprechen. Aktuell zählt das Erbe des 2022 verstorbenen Dietrich Mateschitz – heute verwaltet von Sohn Mark – zu den 40 grössten Vermögen der Welt.

In der Schweiz war das Produkt die ersten paar Monate seiner Existenz ein Mythos. Bevor das koffein- und taurinhaltige Getränk offiziell zugelassen wurde, war der Verkauf aufgrund der damaligen strengen Gesetzgebung (und der extrem restriktiven Einstufung der Inhaltsstoffe) verboten.

Red Bull wurden die Flügel gestutzt

Ich erinnere mich gut: Als Techno-Kind in den 90ern habe ich es mir ab und zu besorgt und konsumiert. Die Wirkung? Krass! Ich fühlte mich richtig extrem aufgeputscht. Ich war froh, endlich etwas gefunden zu haben, denn vor harten Drogen wie Kokain und Co. hatte ich einfach zu viel Angst.

Erstaunlich war für mich dann die spätere Feststellung, dass dieses «Taurin-Gesöff» nach der Legalisierung irgendwie viel weniger gewirkt hat. Damals wurde wild behauptet, das nun legale Schweizer Red Bull habe weniger Wirkstoff drin als das Original. Das stimmte jedoch nicht! Die Rezeptur war im Wesentlichen identisch. Das «Problem» war völlig anders gestrickt: Es geht darum, dass unsere Erwartungshaltung die tatsächliche Wirkung extrem beeinflusst. Der Nervenkitzel des Verbotenen und der Mythos rund um den Drink steigerten die gefühlte Wirkung massiv. Nennen wir das jetzt hier einfach den «Red Bull Bias»!

Und was hat das mit Jugendmedienschutz zu tun? Sehr viel!

Ende Mai haben grosse Medienhäuser wie der ORF und der Tagesspiegel ein mediales Mega-Experiment ins Rampenlicht gerückt. Das Projekt «3 Wochen ohne Smartphone» (präsentiert im Rahmen der ORF-Sendung Dok 1) beeindruckt vor allem durch seine schiere Masse: Mehrere zehntausende Schülerinnen und Schüler aus hunderten Klassen nahmen an den Befragungen teil. Wissenschaftlich begleitet wurde das Ganze durch Dr. Oliver Scheibenbogen vom renommierten Anton Proksch Institut sowie der Sigmund Freud Privat Universität Wien. Es wurde sogar eine riesige Kontrollgruppe von ebenfalls mehr als 10’000 Jugendlichen eingebunden, die ihr Handy normal weiternutzten.

Ein beachtliches Setting also, das auf den ersten Blick über jeden wissenschaftlichen Zweifel erhaben scheint. Doch gerade bei solchen populärwissenschaftlichen Grossereignissen müssen wir methodisch genau hinschauen. Denn trotz der enormen Datenmenge und dem Vorhandensein einer Kontrollgruppe leidet auch diese Erhebung an zwei fundamentale Verzerrungen, die sich bei einem solchen «Forschungsdesign» schlicht nicht verhindern lassen:

  • Der Selektions-Bias auf Schulebene: Die Teilnahme von ganzen Schulen oder Klassen erfolgte schlussendlich auf Basis von Freiwilligkeit und Kooperation. Das bedeutet im Klartext: Es machen vor allem Klassen mit, die ohnehin schon von engagierten Lehrkräften geleitet werden, oder Jugendliche, deren Eltern bereits eine sehr reflektierte, medienkritische Haltung vorleben. Eine echte, neutrale Durchschnitts-Stichprobe der Gesellschaft bildet man so nur schwer ab.
  • Das Problem der fehlenden Verblindung: In der medizinischen Forschung arbeitet man mit Plazebos, damit niemand weiss, ob er den echten Wirkstoff bekommt oder nicht. Bei einem Smartphone-Fasten ist das unmöglich. Jeder Jugendliche wusste zu jeder Sekunde ganz genau, worauf er gerade verzichtet – und genau hier schlägt die Psychologie unbarmherzig zu.

Willkommen zurück beim Red Bull Bias – berüchtigter RBB! 😉

Genau an diesem Punkt schliesst sich der Kreis zu meiner Techno-Jugend. Wenn zehntausende Jugendliche unter grosser medialer Begleitung kollektiv das Smartphone weglegen oder einschränken, entsteht eine immense gesellschaftliche Erwartungswelle. Wer sich auf dieses Experiment einlässt, will und erwartet eine Veränderung. Man reflektiert plötzlich intensiv, spricht im Klassenverband darüber und spürt eine starke Gruppendynamik.

Diese positive Erwartungshaltung («Ich faste jetzt, also muss es mir besser gehen») färbt die psychometrischen Ergebnisse der Fragebögen nachträglich massiv ein. Es ist im Nachgang fast unmöglich zu trennen, ob der reine, klinische Verzicht des Geräts die Ursache für gesteigertes Wohlbefinden war – oder schlicht der klassische Plazebo-Effekt der eigenen Motivation und des Gemeinschaftsgefühls.

Kurzum: Gründliche Wissenschaft braucht Distanz zum Spektakel. Wenn wir die Weichen für den realen Jugendmedienschutz auf Basis von medienwirksamen Kampagnen stellen, betreiben wir keine rein evidenzbasierte Politik. Wir laufen Gefahr, emotionalisierten Phantomwirkungen hinterherzujagen – exakt so wie ich damals im Club beim völlig legalen Red Bull.

Die Innerschweizer Flimmerpause kennt das Problem nicht!

Ganz anders kommt da das Zentralschweizer Projekt «Flimmerpause» daher, das regelmässig in Kantonen wie Luzern, Zug oder Schwyz über die Bühne geht. Während unsere österreichischen Nachbarn die ganz grosse, mediale Opernball-Inszenierung wählten, setzt man in der Eidgenossenschaft auf bodenständige Zurückhaltung. Die Flimmerpause verzichtet ganz bewusst auf den pompösen Anspruch, eine empirische Feldstudie zu sein. Hier wird nicht im Scheinwerferlicht von TV-Kameras den Eindruck erweckt, man würde «die Neurobiologie der Jugend revolutionieren». Man schaltet einfach mal für eine Woche die Bildschirme aus – als rein pädagogische Intervention, ganz ohne akademische Allüren.

Und genau in dieser vermeintlichen «Unwissenschaftlichkeit» liegt die eigentliche, wissenschaftliche Ehrlichkeit vergraben. Weil die Organisatoren der Flimmerpause gar nicht erst versuchen, aus einer freiwilligen Schul- und Familien-Mitmach-Aktion statistische Universalwahrheiten für die Gesamtbevölkerung zu pressen, tappen sie auch nicht in die Falle des Redbull-Bias. Sie wissen um die Selektion und die enorme Eigendynamik der Klassen. Anstatt also weiche Erwartungseffekte als harte Daten aufzublähen, deklariert man das Ganze als das, was es ist: eine grossartige, praxisnahe Sensibilisierungskampagne. Das zeugt von Demut.

Während man jenseits der Grenze dieses Experiment stolz an den Grossglockner hängt, damit den Medienhype bestieg und sich am Ende ein Stück weit im Nebel von Plazebo-Effekten verheddert, bleibt man in der Zentralschweiz mit den Füssen auf dem Teppich. Der Jugendmedienschutz profitiert schliesslich nicht von gut gemeintem «Medien-Theater» mit grossem Budget, sondern von ehrlicher, reflektierter Medienkompetenz im Alltag. Manchmal ist kein künstliches Studiendesign eben das transparentere – und am Ende wissenschaftlichere – Design.

Studienresultate trotz allem mit Spannung zu erwarten

Die wissenschaftliche Begleitung von diesem Grossprojekt ist noch nicht abgeschlossen. Im Sinne von Demut muss ich zum Schluss zugeben: Die Resultate dieser Begleitung interessieren mich trotz allem. Mich interessiert vor allem das komplette Studiendesign der wissenschaftlichen Begleitung. Ich bin gespannt auf die konkreten Thesen, Hypothesen und die exakte Operationalisierung der gemessenen Wohlbefindens-Skalen. Ebenso brenne ich auf Details zur Stichprobenbeschreibung, potenziellen Störvariablen sowie das zugrundeliegende Ethikvotum. Ich gehe davon aus, dass all das bald offen im Netz zugänglich sein wird. Entsprechend habe ich bereits einen digitalen Agenten eingerichtet, der die Plattformen der involvierten Institute regelmässig nach diesen wissenschaftlichen Publikationen screent.

Derf’s no a bisserl KI-Slop, a bisserl a Pfusch aus der künstlichen Intelligenz sei? Ja freili!
Infografik zum Vergleich der Zentralschweizer «Flimmerpause» mit dem ORF-Smartphone-Experiment zur Veranschaulichung des Red Bull Bias im Jugendmedienschutz.
(Bild: Nano Banana)

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