Republik vs. ETH

Mobbing Tools

Die «Republik» als heilige publizistische Inquisition gegen die ETH

Die Republik arbeitet sich in einem mehrteiligen Online-Cluster mit überlangen Artikeln und Audio-Beiträgen an der ETH-Affäre ab, die bisher in der historisch einmaligen Entlassung einer Professorin gipfelt. Im Recherche-Flow mutieren die Republik-Autoren zu anwaltlichen Journalisten jener Professorin, die im Dickicht von Mobbing-Vorwürfen gestrauchelt ist. Was auf den ersten Blick als faktentreue Reportage erscheint, entpuppt sich zusehends als Demontage einer ETH-Führung, die in byzantinischen Intrigen gefangen sein soll.

Dunkle Wolken über der ETH… (Illustration: Marc Böhler)

Marc Böhler, 2. April 2019

Nachdem ich mich durch diesen publizistischen Cluster der Online-Zeitung «Republik» über eine Mobbing- und Entlassungs-Affäre an der ETH durchgekämpft habe, bleiben vier Empfindungen bei mir hängen.

Vier Gefühle nach dem Konsum dieses Medienkunstwerks

  1. Ich kann nicht glauben, dass die Beschuldigungen all dieser Doktorierenden aus der Luft gegriffen sein sollen. Die Professorin ist sehr wahrscheinlich keine angenehme Vorgesetzte. Wie es scheint, pflegt sie eine sehr direkte und konfrontative Kommunikation, auch impulsiv. Mitunter fühlen sich ihre Schützlinge durch die harten Botschaften beleidigt. Je nach Perspektive kann das Verhalten der Professorin als Mobbing eingeschätzt werden.
  2. Die Vorgesetzten sind keine Fans dieser Mitarbeiterin. Auch wegen einer strukturellen Altlast kommen die Beschuldigungen gelegen: Doppelprofessur mit Eheleuten; möglicherweise liegt in dieser Konstruktion der Kern der ganzen Misere? Das ETH-Admin-Team sucht dennoch gemeinsam mit der Professorin verschiedenste Lösungen.
  3. Diese Suche mündet ständig in Streitereien. Es eskaliert. Je nachdem, unter welchen Kriterien man Mobbing definiert, ist die ursprünglich nach unten mobbende Person nun selbst betroffen durch Mobbing von oben.
  4. Die Republik, eine junge Online-Publikation, die sich generell zur Retterin von Demokratie und republikanisch verfasstem Gemeinwesen berufen fühlt, steigt in das Mobbing ein, um die Mobberin gegen die Gegenmobbenden medienmobbend zu unterstützen …

Die ETH-Verantwortlichen, aber letztlich auch die Republik haben offensichtlich noch nie etwas vom «No Blame Approach» bei Mobbing-Fällen gehört. Die Republik macht mit ihrem publizistischen Verhalten im Fall der Professorin alles nur noch schlimmer.

Publizistik mit Kollateralschaden

Dieses argumentative Armdrücken der Republik gegen die ETH-Admin empfinde ich unter anderem als Selfmarketing für den Medien-Brand «Republik», und zwar auf Kosten der Marke ETH und auf Kosten des Bildungsstandorts Schweiz. Natürlich gehört es zum Auftrag der vierten Macht im Land, Ämter und andere staatliche oder halbstaatliche Institutionen zu durchleuchten und zu kritisieren. Aber hier kippt die aufklärerische Mission der Autoren in einen anwaltschaftlichen Journalismus, der die ETH-Institutionen diskreditieren will.

Die ETH ist ebenso wie staatliche Ämter in den Bergen und anderswo wegen dem Öffentlichkeitsgebot ein äusserst weiches Ziel. Wenn die Republik solche Missstände in der Privatwirtschaft aufdecken würde, fände ich das wahrscheinlich gut. Einen vergleichbaren Knüller hat das selbsternannte Demokratie-Rettungs-Organ bisher meiner Meinung nach nicht geleistet.

Aktio und Reaktio

In einem Podcast aus der Redaktion der Republik, wird erzählt, dass es von Anfang an nicht das Ziel gewesen sei, die Schuldfrage zu klären. Es sei nicht das Ziel gewesen, zu prüfen, ob die Mobbing-Anschuldigungen gegenüber MC stimmen würden oder nicht. Das wäre jedoch meiner Meinung nach die entscheidende journalistische Leistung gewesen. Wäre diese Frage geklärt worden, hätte sich auf der Basis des Prinzips «Mässigung» dieses Bündel von Stories auf Republik.ch erübrigt. Ich halte es für äusserst billig, dass die Kommunikations-Profis der Republik sagen, die Schuldfrage sei nie im Raum gestanden. Bevor man publizistisch die Reaktio angeht, sollte die Aktio geklärt sein.

Demokratiefördernd?

Die Republik beschädigt massiv den Ruf der wichtigsten Bildungsinstitution der Schweiz. Aus meiner Sicht ist die Schweiz weltweit das demokratischste Land, und die ETH ist eine symbolische Säule unserer föderalen Republik. Was die Publikation Republik da gerade macht, ist nicht demokratiefördernd, sondern die Fortführung eines Gezänks auf einem höheren Level, vor dem Forum der ganzen Öffentlichkeit. Elegant erspart sich die Republik zu prüfen, wer denn letztlich verantwortlich ist für dieses Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Gezänk.

Timing ist alles für möglichst viel Lärm

Was mich zudem beschäftigt: Timing-Taktiken bei den Medien halte ich für medienethisch fragwürdig. Medien haben Fakten zu bringen, sobald sie sie haben! Timing betreiben insbesondere Boulevard-Publikationen, um möglichst viel Aufsehen zu generieren und so die eigene Medienmarke zu stärken.

Hätte die Republik die Einzelteile dieses publizistischen Clusters jeweils publiziert, sobald die einzelnen Recherchen erledigt waren, hätte die ETH die Professorin möglicherweise nicht entlassen, sondern weiter um eine andere Lösung gerungen. Kaum hat die ETH die Entlassung kommuniziert, konnte die Republik nach ein paar Nachtschichten alles rauslassen. Entweder das ist ein Zufall, oder die Republik hat dieses Timing der Publikation so geplant. Ich vermute Letzteres.

Mir scheint klar: Die Republik hat bewusst die Eskalationsstufe «Entlassung» abgewartet, um die ETH in die Pfanne zu hauen. Die Kommunikations-Profis der Republik haben die Kanonen geladen und präzise geplant, wann sie gezündet werden.

Inzwischen wurde die dreiteilige Artikelserie der Republik auch auf Englisch übersetzt. Das Cybermobbing gegen die ETH kann jetzt auch in der Weltsprache weitergehen…

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